Münchner Merkur, 08.05.2006

Italiener kritisieren Ehrentafeln für Messerschmitt und Dornier

Acht Wissenschaftler protestieren in offenem Brief gegen TU-Pläne

Andreas Raith

 

Garching - In einem offenen Brief haben in Garching lebende und arbeitende Italiener gegen die Pläne der TU München protestiert, Willy Messerschmitt und Claude Dornier im U-Bahnhof auf dem Campus zu verewigen. Neben anderen Wissenschaftlern sollen die Flugzeugbauer, in deren Fabriken im zweiten Weltkrieg Zwangsarbeiter beschäftigt waren, auf Bildtafeln zu sehen sein. Gegen die Ehrung der beiden umstrittenen Ingeneure und Industriellen hatte sich von vielen Seiten Widerstand geregt (wir berichteten).

In den Flugzeugwerften Messerschmitt und Dornier, so die acht Unterzeichner des Briefes, seien auch italienische Militärinternierte zur Arbeit gezwungen worden. "Als wir davon gehört haben, haben wir gleich an die Militärinternierten gedacht", erklärt Claudio Cumani, einer der Verfasser. Cumani, der aus Triest stammt und seit 2001 in Garching lebt, ist wie seine sieben Kollegen in einem Forschungsinstitut auf dem Campus tätig. Beim Gespräch in der Cafeteria beschloss man, etwas zu unternehmen.

"Wir finden es komisch, dass diese Leute dort neben einem Albert Einstein hängen sollen, sagt Cumani. Schließlich hätten Messerschmitt und Dornier mit den Zwangsarbeitern Geld verdient.

Das Schicksal der Internierten kennt Cumanis Kollege Mauro Comin genau: "Mein Onkel arbeitete in einer Munitionsfabrik bei Dresden", erzählt er. Er hofft, dass man es sich bei der TU noch einmal anders überlegt und auf die Portraits der Flugzeugpioniere verzichtet.Den Brief haben die italienischen Wissenschaftler an TU Präsident Wolfgang Herrmann und Garchings Bürgermeister Manfred Solbrig (SPD) adressiert.

Ingenieure verdienten mit Zwangsarbeitern Geld

Auch Italiens Botschafter in Berlin und der Generalkonsul in München wurden informiert, hier erhofft man sich Unterstützung. "Beide sind sehr sensibel für das Thema", weiß Claudio Cumani.

Nach der Kapitulation Italiens am 8. September 1943 verschleppte die Wehrmacht Soldaten des ehemaligen Bündnispartners, insgesamt über 600.000. Rund 50.000 starben in der Gefangenschaft. Die so genannten Militärinternierten wurden in Kriegsgefangenenlagern festgehalten, konnten sich entweder der Wehrmacht anschließen oder wurden zur Arbeit in der Rüstungsindustrie und im Bergbau gezwungen: wie bei Messerschmidt und Dornier.

"Ich weiß mit Sicherheit, dass auch dort Italiener waren", bestätigt Dr. Gabriele Hammermann, die stellvertretende Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau. In ihrer 2002 erschienenen Doktorarbeit mit dem Titel "Zwangsarbeit für den Verbündeten" hat sich die Historikerin mit den Lebensumständen der Italienischen Gefangenen befasst. Die Firmen Dornier und Messerschmitt haben ihr damals den Zutritt zu ihren Archiven verweigert.